Extraetüden: Tante Gunda

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Quelle: Pixabay, Bearbeitung von Christiane

Tante Gunda stand vor dem Spiegel und besah sich ihr Anglitz. Ihr Spiegelbild zeigte eine ältere Dame mit grauem Kurzhaarschnitt. Gutbürgerlich gekleidet in besch und hellblau. Zwei Ohrstecker und eine Kette, mehr Schmuck wäre Luxus. Keine Schminke. Selbst die Brille war in braun gehalten, also sehr unauffällig. Die ganze Person war an sich unauffällig. Wenn man sich da nur nicht wunderte …

Einige Tage später: Tante Gunda öffnete die Türe zum Hotel, in dem ihre Nichte ihre standesamtliche Hochzeit feierte. In ihrem Korb die versprochene Donauwelle, die sie zu diesem Anlaß gebacken hatte. Weichmütig wie sie war, hatte sie sich dazu breit schlagen lassen, als ihre Nichte sie in einem Telefongespräch darum bat.

Doch da war noch etwas gewesen, etwas das sie zum Nachdenken gebracht, ja sogar erschüttert hatte: Die Nichte hatte nach Ende des Gesprächs nicht auf den „Auflegen“-Knopf ihres Handys gedrückt. Und so hörte Tante Gunda noch, wie ihre Nichte einige nicht gerade freundliche Äußerungen über Gunda selbst sprach. Die „graue Maus“ würde den Kuchen schon backen. War ja arm dran, hatte selbst keinen Mann abbekommen. Das Gehörte erschütterte Tante Gunda sehr. So sehr, dass sie im Anschluss sogar verbal zu toben begann, Zetermordio! Dennoch besah sie sich am gleichen Tag im Spiegel. Also, wenn sie ganz in sich ging, ganz ehrlich: Ja, etwas unauffällig war sie schon. Aber der Nichte würde sie es schon noch zeigen!

Und schon am nächsten Tag zog sie in die Geschäfte, deckte sich mit neuer Kleidung ein. Ließ sich beim Friseur einen neuen Schnitt verpassen, und etwas Farbe. Holte sich beim Gang in die Drogerie Schminke. Und schon bald erstrahlte Tante Gunda im neuen Licht. Das auffälligste war ihre Brille in einem schönen, kräftigem orange. Und mit ihrem neuen Outfit wagte sie sich auch auf eine Tanzveranstaltung, auf der aus dem Lautsprecher tolle Musik erklang.

Und die Nichte? Die war ebenso wie der Rest der Verwandtschaft von der verwandelten Tante Gunda in Herrenbegleitung mehr als überrascht.

Dieser Text entstand durch die Anregung der abc.etüden von Christiane. Herzlichen Dank hierfür. Die von Ludwig Zeidler gestifteten Begriffe „Zetermordio“, „weichmütig“ und „backen“ sowie die von Blaupause7 gestifteten Begriffe „Lautsprecher“, „orange“ und „erschüttern“ sollten in einem Text mit max. 500 Wörtern eingebaut werden.

15 Gedanken zu “Extraetüden: Tante Gunda

  1. Ich würde mir wünschen, dass das immer so einfach wäre. Jemandem werden die die Augen geöffnet, er oder sie reagiert und päng! Alles ist gut. Aber vielleicht versuchen wir es auch zu wenig? 😉
    Schicke Etüde, vielen Dank! 😁👍
    (Das mit dem doppelten Ping gilt auch hier.)
    Frühabendgrüße 😁❄️☕🍪👍

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 06.07.21 | Wortspende von Wortman | Irgendwas ist immer

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